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Literaturpreis 2009
Beitrag zum Literaturpreis 2009
Dem Tod von der Brücke gesprungen.
Kurzgeschichte
Je länger ich in den Abgrund schaute, desto weniger gefährlich wirkte er. Natürlich waren die knapp 50 Meter unter mir immer noch Angst einflössend, aber langsam gewöhnte ich mich daran und es erschien mir nicht mehr ganz so tief, wie es tatsächlich war. Von hier oben aus erkannte man kaum, dass dort unten Wasser war, wenn nicht ab und zu eine kleine Welle aufschlagen würde.
Ein Blick nach links über die Dächer der Stadt, die aus dieser Perspektive wie zufällig zusammengewürfelt aussahen, vermittelten den Eindruck, als hätte bei der Erstellung der Stadt jeder seinen eigenen Plan gehabt. Jeder baut wie er will, keiner wie er soll und alle machen mit.
Ich holte tief Luft und schaute nach oben. Es war ein herrlicher Tag, nicht zu warm, blauer Himmel und ein paar kleinere Wolken, die schnell vorüber zogen. Unter anderen Umständen hätte ich diesen Anblick sogar genießen können. Der Verkehr auf der Brücke wurde gesperrt und einige hundert Schaulustige hatten sich an beiden Seiten der Brücke eingefunden. Auf der Fahrbahn waren mehrere Feuerwehr- und Polizeifahrzeuge, sowie ein Rettungswagen, deren Blaulichter ein bizzares Bild von hier oben abgaben.
Auf dem Rhein fuhren zwei Boote der Wasserschutzpolizei und ein Löschboot der Feuerwehr, so weit ich das von hier aus erkennen konnte. Ich hass es, soviel Aufsehen um meine Person zu erregen. Ein Fahrzeug hätte doch völlig gereicht. Ich war doch auch alleine. Müssen die denn immer gleich mit Mann und Maus anrücken?
Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn ich mich mit Silvana nicht beim Frühstück wieder gestritten hätte. „Kannst Du nicht einmal etwas machen, wenn ich Dich um einen Gefallen bitte? Es ist doch immer dasselbe mit Dir, wenn Du etwas von mir willst, muss ich gleich springen, aber wehe, ich möchte einmal, dass Du etwas für mich machst.“ hatte sie gesagt. Wie ich diese endlosen Diskussionen hasse. Kann sie nicht einfach mein NEIN akzeptieren? Muss das denn immer gleich in eine Grundsatzdiskussion ausarten? „Aber Mausi, ich habe wirklich keine Zeit das Paket abzuholen“, hatte ich mich verteidigt. „Keine Zeit, keine Zeit, Du hast ja nie Zeit für mich. Wenn Du so weiter machst, hat es sich was mit Mausi. Dann brauchst Du gar nicht mehr nach Hause zu kommen“, entgegnete sie schon etwas lauter.
Obwohl ich genau wusste, dass jedes weitere Wort nur dazu führen würde, dass sie noch wütender wird, konnte ich es mir nicht verkneifen. „Hmm.. aber wenn ich nicht mehr nach Hause komme, wer soll dann das Paket abholen?“ Silvana explodierte: „Zieh das nicht wieder ins Lächerliche. Deinen Sarkasmus kannst Du Dir sparen. Ich meine es ernst. Nimm Deine Klamotten und geh. Lass Dich nie wieder blicken. Ich bin fertig mit Dir.“ Voller Zorn knallte sie die Türe zu und verschwand ins Schlafzimmer. Noch bevor ich reagieren konnte, öffnete sich die Tür wieder und meine Kleidung flog mir entgegen, begleitet von den Worten: „Ich bin fertig mir dir. HAU AB!“.
Eine Frau im Zorn sollte man weder ansprechen, noch ihr unter die Augen treten. Also raffte ich meine Klamotten zusammen und ging.
Der Einsatzleiter rief in kurzen Abständen durch sein Megaphon zu mir herauf. Ich hörte seine Stimme, konnte durch den starken Wind jedoch die Worte nicht verstehen.
Am Horizont tauchte plötzlich ein Hubschrauber auf. Hoffentlich war der nicht auch wegen mir da. Das wäre mir jetzt aber wirklich sehr peinlich. Wer soll denn diesen Großeinsatz bezahlen? Dann kam von rechts ein zweiter Hubschrauber herangeflogen. Ich schloss die Augen. Bitte lass das den jetzt nicht vom Fernsehen sein. Hätte ich meine Hände nicht gebraucht, um mich festzuhalten, hätte ich sie mir vor das Gesicht gehalten.
Aber soviel Glück hatte ich nicht, klar, sonst wäre ich ja nicht in diese Situation gekommen. Natürlich war einer der Hubschrauber vom Fernsehen und der andere von der Polizei. Und sicher standen unten auch mindestens zwei Übertragungswagen und wahrscheinlich war ich bereits als Sonderausgabe in allen Nachrichten zu sehen. Peinlicher geht’s ja wohl nicht mehr. Soll ich jetzt lächeln? Die haben ja sicher Teleobjektive, die jedes Detail hautnah einfangen. Ich entschloss mich einen coolen Gesichtsausdruck zu vermitteln, obwohl Angst und entwürdigende Peinlichkeit mein Unbehagen eher in meinem Gesicht abzulesen waren. Wer weiß, vielleicht wollen die ja noch ein Interview mit mir machen, bevor ich in die Tiefe stürze. Ab Besten beginnen sie mit der Frage: „Wie geht es Ihnen?“ „Ja, super, ist doch ein wunderschöner Tag, die Aussicht ist phänomenal, jetzt noch eine Tasse Kaffe und ein Stück Kuchen und es wäre nicht mehr auszuhalten.“ überlegte ich mir darauf schon eine Antwort.
Gestern Abend war alles noch in Ordnung. Silvana hatte etwas Gutes gekocht und danach hatten wir uns einen Film mit Harrison Ford angesehen. Air Force One war einer ihrer Lieblingsfilme. Wir lümmelten uns aneinandergekuschelt auf der Couch rum und tranken ein Glas Wein dazu. Später redeten wir noch bis in die Nacht hinein und hatten wirklich einige gute Gespräche.
„In der Schwangerschaft kann eine Frau schon mal unter einigen Stimmungsschwankungen leiden, die durch leichte Hormonschwankungen hervorgerufen werden“, hatte der Frauenarzt beim letzten Gespräch gesagt. Von extremen Tobsuchtsanfällen hatte er in dem Gespräch aber nichts erwähnt. Er vermied es auch anzudeuten, dass sie mich alle paar Tage aus meiner Wohnung rauswerfen und die Beziehung beenden könnte. Irgendwie hatte ich mir den Beginn einer eigenen Familie anders vorgestellt. Harmonischer, voller Freude und Zukunftsplanung, aber nicht mit derart viel Stress und Streit.
Von hier oben war gut zu erkennen, dass sich der Verkehr an beiden Enden der Brücke bereits über einige Kilometer gestaut hatte. Jetzt war ich noch schuld, dass viele nicht rechtzeitig zu ihren Terminen kommen. Nein, auch das noch. Sie könnten zwar alle eine Umleitung nehmen, aber bestimmt hofften viele auf die Chance mit ihrem Fahrzeug ebenfalls in den Nachrichten aufzutauchen. Ich könnte wetten, dass die meisten da unten jetzt an ihrem Handy hängen und Freunde und Bekannte anrufen, um ihnen mitzuteilen, dass wieder einmal so ein lebensmüder Depp von der Brücke hüpfen will und sie schnell den Fernseher einschalten sollen, weil sie ja vielleicht darin zu sehen sind.
Oh Schreck. Natürlich müssen die ganzen Schaulustigen annehmen, dass ich mich in die Tiefe stürzen will. Die halten mich für einen Selbstmörder. Aber was heißt hier Selbstmörder? Ein Mord ist schließlich die geplante Tötung eines Menschen, der keine Ahnung hat, was auf ihn zukommt. Wüsste er es, wäre es ja Totschlag. Und wenn es versehentlich passiert sogar fahrlässige Tötung. Dann wäre das also höchstens ein Selbst-Totschlag. Und wenn man nur auf eine Brücke klettert, um seinem Schrei nach Aufmerksamkeit Gehör zu verschaffen, dann aber aus Versehen abrutscht, quasi fahrlässige Selbst-Tötung, wenn nicht sogar grob fahrlässiger Selbst-Totschlag. Wenn man bedenkt, dass bei einer Befruchtung einer Eizelle Millionen von Spermien sterben müssen, nur damit einer durchkommt, ist das ja vorsätzlicher Massenmord. Will man gar nicht schwanger werden, dann ist es wohl fahrlässiger Massen-Totschlag, oder grob fahrlässige Völkerausrottung. Ein Gedanke, den man bei der Zeugung möglichst verdrängen sollte, sonst wird das nichts mit der Großfamilie.
Langsam stiegen Zweifel in mir auf, ob denn die Einsatzkräfte die Situation richtig einschätzten. Dachten die womöglich auch, dass ich ein Selbst-Totschläger bin? Dauert das alles deshalb so lange, weil man sich nur sehr vorsichtig an mich heran wagt, damit ich nicht springe? Na super, je länger das dauert, desto wahrscheinlich wird es, dass ich abstürze. Ich würde ja mein Handy benutzen und sie aufklären, wenn meine beiden Hände nicht damit beschäftigt wären meinen Absturz zu verhindern.
Also Handy benutzen, dadurch abstürzen und als Selbstmörder enden, oder weiter festhalten, wegen Zeitüberschreitung dann abstürzen und als fahrlässiger Selbst-Totschläger enden? Hmm, die Wahl ist nicht leicht.
Ich entschloss mich laut nach Hilfe zu rufen. Ja, aber das ist natürlich auch peinlich, weil ja Hilfe bereits zu genüge vor Ort ist, aber vielleicht hört das jemand, oder ein Lippenleser sieht es. Nachher muss ich wahrscheinlich noch erklären, warum ich gerade zu diesem Zeitpunkt nach Hilfe gerufen habe. Wollte ich vor den Hilfskräften gerettet werden? Sofort entschloss ich mich meine Angst die Kontrolle über meine Gesichtsmuskeln übernehmen zu lassen. Vielleicht würde das meine Situation wieder etwas ins rechte Licht rücken.
Sehen die denn nicht, dass ich Maler-Arbeitskleidung anhabe und hier nur meinen Job mache? Also nein, natürlich ist es nicht mein Job in einem gerissenen Sicherungsseil zu hängen und mich an Stahlseilen zu klammern. Ich streiche normaler Weise die Brücke mit Rostschutz an.
Vielleicht habe ich ja Glück und mein Chef sieht mich in den Nachrichten und kommt dann her. Der Gedanke daran ließ große Zweifel darüber aufkommen, ob ich das wirklich als Glück bezeichnen konnte. Als erstes würde er mir sicher die Stunden, die ich hier rumhänge abziehen und dann zur Sau machen, weil ich nicht mit dem Rücken zur Kamera hier hänge, weil dort der Firmenname steht und das eine prima Werbung wäre.
Naja, prima Werbung, wir beschäftigen Maler, die den ganzen Tag nur rumhängen. Hinter mir kamen nun der Einsatzleiter und zwei weitere Personen mit dem Hub- und Leiterwagen der Feuerwehr zu mit herangefahren. Wieder hörte ich seine Stimme durch das Megaphon. „Warten sie, wir sind gleich bei ihnen“, rief er. „ja, ja, haben sie Kaffee und Kuchen dabei?“ rief ich zurück. Ja was glaubt der denn wo ich hin wollte? Warten Sie - klar, warte ich, wo soll ich denn hin? Ich warte ja schon seit Stunden hier. Warten ist bereits zu meiner zweiten Leidenschaft geworden. „Was meinen sie mit Kuchen?“ fragte er nach einer kurzen Pause. „Das war ein Scherz“, schrie ich zurück, „damit mir das warten leichter fällt.“ Wieder eine kurze Pause: „Fällt? Was fällt? Ich kann sie schlecht verstehen. Haben sie ein Handy?“ klang es zu mir herüber.
„Können wir nicht später telefonieren, wenn das hier vorbei ist? Bitte beeilen sie sich, ich kann mich nicht mehr lange halten.“ versuchte ich ihm klarzumachen. „Hilfe ist unterwegs. Halten sie durch“, versuchte er mich zu beruhigen. Wie meint der das? Hilfe ist unterwegs? Und was ist mit dem ganzen Aufgebot, das bereits eingetroffen ist? Ist das gar nicht die Hilfe für mich? War das nur eine Übung für die Truppe, damit die so was auch mal erlebt haben? Bin ich zu einem Schulungsobjekt geworden? Stehen die Gruppenleiter jetzt alle mit ihren Schützlingen da unten rum und halten Unterricht ab? „Seht ihr, so sieht das aus, wenn man sich hängen lässt und nicht voll konzentriert bei der Sache ist.“ Oder vielleicht auch: „Da seht ihr, wie man es auf keinen Fall machen sollte. Achtet gleich mal auf die Hilfe, die da eintrifft, die zeigen euch dann, wie man so jemanden rettet.“
Nun kam auch ein zweiter Rettungskorb herangefahren. Der Feuerwehrmann darin rief mir zu: „Hier, nehmen sie meine Hand.“ Ich versuchte die Hand unter dem Stahlkabel hervorzuziehen, dass ich bisher krampfhaft festhielt, aber ich schaffte es nicht. Mein Gewicht klemmte beide Hände zwischen Stahlkabel und Stützträger ein. Ich hing da wie ans Kreuz gefesselt. „Ich kann ihre Hand nicht nehmen“, sagte ich laut. „Doch“, entgegnete er, „sie müssen sich dazu zwingen!“ „Blödmann“, zischte ich zurück, „meine Hände sind eingeklemmt. Ich bekomme sie nicht frei.“ Nachdem nun direkt rechts und links von mir ein Hubwagen war, hatten die Hilfskräfte die Situation erkannt. Sie griffen von beiden Seiten unter meine Arme und befreiten mich aus der misslichen Lage.
Auf dem Weg nach unten, eine Decke um meine Schultern, kroch nach und nach der Schmerz an die Stellen meines Körpers, die durch den Unfall in Mitleidenschaft gezogen wurden. „Wie geht es ihnen?“ fragte der Einsatzleiter besorgt. Ich schaute über den Rand des Korbs nach unten, sah die vielen hundert Menschen, Einsatzwagen, stauenden Verkehr, drei Boote und oben immer noch die beiden Hubschrauber. „Eben ging es mir irgendwie besser, war aber in einer schlechteren Position“, scherzte ich zurück.
„Dabei dachte ich heute Morgen, schlimmer kann es nicht werden. So kann man sich täuschen.“
Unten angekommen empfing mich Silvana mit den Worten: „Mein Held. Das hast Du doch nur gemacht, damit ich Dir verzeihe, Du verrückter Kerl“, nahm meinen Kopf in beide Hände und küsste mich immer wieder.
„Tja, wäre ich das Paket abholen gegangen, hätte das nicht so viele Leute interessiert.“
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